Ostermarsch 2012: Nie wieder Krieg gegen Faschismus!

März 11, 2012

„Kein Krieg dient den Menschenrechten!“ tönt der Aufruf der Kasseler Friedensfreunde zum Ostermarsch 2012. Dass so ein Spruch nach dem zweiten Weltkrieg möglich ist, erstaunt schon sehr. Er ist die Paraphrasierung der Parole: „Nie wieder Krieg gegen deutschen Faschismus!“

Die zentralen Forderungen der Ostermarschierer sind in diesem Jahr die Beendigung des Krieges in Afghanistan, die Warnung vor kriegerischen Interventionen gegen den Iran und gegen Syrien und die Kritik an den Waffenexporten.

Der Krieg und das Politische

Krieg ist ein Mittel der Politik, diese Feststellung dürfte seit Clausewitz ein evidenter Gemeinplatz sein. Der Staat ist immer ein in institutionalisierte und in rechtliche Formen gegossenes (pazifiziertes) gesellschaftliches Gewaltverhältnis. Staat und Recht sind ein zivilisatorischer Fortschritt in einer Gesellschaft, in der die Individuen in widersprüchlichen sozialen und ökonomischen Beziehungen zueinander stehen. Die zivilisierte Form der Austragung der diesen zugrunde liegenden Konflikten ist zwar nicht von Gerechtigkeit, aber durch das Gewaltmonopol des Staates von einer Rechtsförmigkeit und Berechenbarkeit gekennzeichnet. Dadurch ist das einzelne Individuum in einem Staat dem Grunde nach vor unmittelbarer Gewalt und Willkür geschützt.

Staaten bestehen dadurch, dass es mehrere gibt, die sich prinzipiell auf Augenhöhe begegnen, d.h. der eine Staat erkennt den anderen als Souverän an. Es gibt mächtige und weniger mächtige Staaten, daher sind die Beziehungen zwischen den Staaten nicht dem Prinzip einer universellen Gerechtigkeit unterworfen, sondern es spiegeln sich in ihnen per se die tatsächlichen Machtverhältnisse wider. Es kann keinen Weltsouverän geben (Scheit), der eine Idee der Gerechtigkeit auf globaler Ebene exekutieren könnte, denn das Verhältnis zwischen den Staaten ist durch gegenseitige prinzipielle Anerkennung und durch Vertragsverhältnisse geprägt und nicht durch die Übertragung der Gewalt an einen höher stehenden globalen Souverän. Da es zwischen den Staaten ausgeklügelte Verhandlungs- und Bündnissysteme und ein mehr oder minder ausgeprägtes Machtgleichgewicht gibt, sind kriegerische Mittel um Interessenswidersprüche auszufechten nicht die Regel, sondern die Diplomatie. Bedroht jedoch ein Staat den anderen mit der Vernichtung, sind die diplomatischen Mittel beschränkt, diesen von seinem Ziel abzuhalten.

Maßnahmen wie Verhandlungen und gegenseitige Abschreckung funktionieren dann, wenn es sich, wie im Ost-West-Konflikt, um Kontrahenten handelt, die sich einer im weitesten Sinne der Vernunft verbundenen Idee und Rationalität des Handelns verpflichtet fühlen. Fehlt dieser Bezug wie beim NS-Unstaat oder wie aktuell beim Iran, so haben Wirtschafts- und Verkehrsboykotte als Gewaltmaßnahmen einer niedrigeren Eskalationsstufe solange eine Wirksamkeit, wie sich alle anderen (wichtigen) Staaten daran halten. Doch wie es die Friedensbewegung fordert, fühlen sich einige Staaten den Boykottmaßnahmen nicht verpflichtet oder setzen, wie die europäischen, immer noch auf Verhandlungen.

Ob Verhandlung, Boykott oder Krieg – es geht in allen Fällen darum, dass der eine Staat dem anderen gegenüber seine Interessen zur Geltung bringt, einen Ausgleich sucht, oder wo das nicht möglich ist, die eigenen Interessen durchzusetzen versucht. Grundsätzlich gibt es keine Politik ohne Interesse – jedenfalls, solange es im Sinne von Karl Marx keine klassenlose Gesellschaft gibt.

Das Interesse und die Politik

Nun weiß ein jeder, der die Friedensfreunde kennt, dass sie vorgeben ihre Position sei von hoher Moralität. Sie würden also jeden Vorwurf zurückweisen, ihre Haltung würde die Tyrannei befördern. Vielmehr sind sie der Überzeugung, sie seien die eigentlichen Vertreter der Menschenrechte. Zentral an ihrer Argumentation ist, dass die Menschenrechte nur als Vorwand zur Führung von Kriegen dienten. Damit haben unsere Friedensfreunde sicherlich häufig Recht. Skandalisiert wird aber nicht nur das Ideologische, das sich tatsächlich häufig als solches entpuppt, sondern das Interesse, das die Politik bestimmt.  Häufig ist dann, wenn vom Westen die Rede ist, vom Öl oder von Rohstoffen die Rede. Doch auch im Falle anderer Staaten, die weniger kritisch betrachtet wurden gab es einen Widerspruch von Interesse und Ideologie. Die Sicherheit des eigenen Staates und nicht der menschliche Fortschritt, die Emanzipation der Frauen oder gar die Weltrevolution war das zentrale Interesse der Sowjetunion, das deren (militärische und diplomatische) Außenpolitik bestimmte aber von unseren Friedensfreunden nie skandalisiert wurde. Das Interesse an Sicherheit, dass Israel auch militärisch durchzusetzen versucht, ist hingegen der Skandal schlechthin – auch wenn es für die arabische Bevölkerung ein mehr an Rechten und Selbstbestimmung bedeutet, leben sie unter israelischer Besatzung.

Interesse, Ideologie und Moral im Zweiten Weltkrieg

Am Beispiel des 2. Weltkriegs, lässt sich die Argumentation der Friedensfreunde am besten ad absurdum führen.

Natürlich ging es weder den Vereinigten Staaten, noch Großbritannien oder der Sowjetunion darum, die europäischen Juden vor der Ausrottung zu bewahren oder die KZ-Insassen zu befreien. Diese Staaten wurden in ihrer Existenz durch den deutschen Eroberungs- und Ausplünderungsfeldzug und die Neuordnungspläne der deutschen Herrenmenschen bedroht.

Der von Deutschland (und Japan) der Welt aufgezwungene Krieg führte im Ergebnis dann dazu, dass im Westen das US-amerikanische Modell des freien Welthandels, im Osten das sowjetische Modell der Volksdemokratien durchgesetzt wurde.

Ergebnis war aber auch, dass die deutsche Nation zunächst zerschlagen wurde, um dann in Einzelteilen dem einen oder anderen Modell untergeordnet zu werden. Weitere Ergebnisse waren das Ende des staatlich organisierten Judenmords und des allseitigen Nihilismus der Naziherrschaft und – frei nach Lenin -, entscheidend ist, was hinten rauskommt. Das Ergebnis war und ist von jedem humanistisch denkenden Menschen zu begrüßen.

Die Triebkraft von Millionen kämpfender Soldaten der Alliierten und auch agierender Politiker waren weder der freie Welthandel noch die Errichtung von Volksdemokratien, sondern – neben der Angst vor dem eigenen Vorgesetzten und dem deutschen Raubmörder in Uniform – eine aufrechte antifaschistische Gesinnung, der Hass auf die deutschen Mordbrenner und Vernichtungskrieger. So sympathisch diese Haltung dem heutigen Betrachter der Geschichte daherkommt und so wie die Persönlichkeiten eines Roosevelt und eines Churchills als Verkörperung eines sympathischen Weltgeistes daherkommen mögen, so wenig ist diese Haltung allein entscheidend. Denn auch der Unsympath und reine Machtpolitiker Stalin war – trotz der von ihm zu verantwortenden katastrophalen Anfangsfehler – ein wesentlicher Faktor, der die alliierte Koalition zum Erfolg gegen die absolute Negation der Menschheit führte.

Für die kämpfenden Menschen und handelnden Politiker waren nicht das nackte Interesse der Staaten der Antihitlerkoalition entscheidend, sondern die ideologische Begründung für Freiheit und Demokratie gegen die Nazis zu Felde zu ziehen. Wir haben es hier in dieser historischen Situation also nicht mit einem unaufhebbaren Widerspruch von den Interessen der jeweiligen Staaten und den politischen Formulierung derselben zu tun. Die politische Forderung konnte also sein: “Für Freiheit und Demokratie”, oder “Gegen die Nazibarbarei”. Die Interessen sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Sowjetunion standen diesen Forderungen nicht entgegen, sondern ermöglichten erst, diese gegen Nazideutschland mit militärischen Mitteln durchzusetzen.

Es ist absurd anzunehmen, dieses kongruente Verhältnis von Interessen und politischen Ideologie sei einmalig und nicht wiederholbar. Das Interesse an der Durchsetzung freier Handelswege, nationaler Sicherheit, Zugang zu Rohstoffen etc. stehen nicht automatisch den politischen Zielen entgegen, Menschenrechte, Demokratie oder auch Freiheit einzufordern.

Das Durchsetzten des freien Zugangs an der Strasse von Hormus, die Verhinderung der iranischen Atombombe, kann sehr wohl mit der politischen Forderung nach Entmachtung des iranischen Mullahregimes und der Einforderung der Menschenrechte im Iran einhergehen – dazu wären politische Gruppierungen notwendig, die eben diese politischen Ziele in den kriegerischen oder nichtkriegerischen Auseinandersetzung mit dem Iran einfordern. Der Verzicht, Interessen gegenüber dem Iran durchzusetzen, würde, sofern die Forderungen nach Achtung der Menschenrechte überhaupt erhoben werden würde, diese zu rein deklamatorischen Forderungen werden lassen.

Der Verzicht von beidem ist das, was die Friedensbewegung  fordert. Der Spruch der Kasseler Friedensfreunde kann also so übersetzt werden: „Keine Politik für Menschenrechte!“

Exkurs: Der Kriegsdienstverweigerer

Die individuelle Entscheidung, nicht als Krieger im großen Gemetzel mitzumachen, war in Zeiten der Wehrpflicht in der Bundesrepublik ein Grundrecht. Allerdings konnte im kalten Krieg und in der Endphase der Massenheere, die Verweigerung des Waffendienstes nicht verallgemeinerbar sein. Der naheliegendste Grund: im Krieg nicht getötet zu werden, aber auch nicht im Frieden 18 Monate seines jungen Lebens mit öder Langeweile und Nichtstun, dem Befolgen blödsinniger Befehle häufig stumpfsinniger Kommandeure, permanenter Sauferei und anderen seltsamen männerbündischen Ritualen zu vergeuden, galt aber nicht. Es mussten schon höhere Gründe sein, eben das Gewissen – das es allerdings, auf sehr deutsche Art zu prüfen galt.

Die, die noch die Anhörungen der Kriegsdienstverweigerung durchlaufen mussten, kannten diese Frage: „Sie befinden sich mit Ihrer Geliebten auf einem Spaziergang in Feld und Flur, die Sonne scheint, die Blumen blühen. Zufällig haben sie ein Maschinengewehr im Rucksack. Was machen Sie, wenn zehn bewaffnete Russen aus dem Gebüsch hervorspringen und Ihre Freundin vergewaltigen wollen?“ Die in dieser Situation normale Antwort „Ich ziehe den Abzug durch!“ durfte nicht fallen. Die, die dann antworteten, sie würden den wilden Russen mit dem Ruf „Love & Peace!“, „Petting statt Pershing!“, „Legt die Waffen nieder und lasst uns friedlich mit einander reden!“ u.ä. entgegen treten, fielen wegen Unglaubwürdigkeit oder aufgrund offensichtlichen vorangegangenen Genusses psychoaktiver Substanzen durch. Die, die versuchten, das fragende Ausschussmitglied in eine politische Diskussion über die eigentlichen Aggressoren – die aggressivsten Kreise des (Finanz-) Kapitals und die eigentlich friedliebenden Russen zu verwickeln, konnten sich ebenfalls keine Hoffnung machen, diese Fragerunde als Sieger zu verlassen. Sie entlarvten sich mit dieser Fragestellung in den Augen der Ausschussmitglieder als vermeintliche Kommunisten oder als deren Sympathisanten, und wie diese ticken, würde ja schon aus der Fragestellung deutlich werden. Derjenige – und das dürfte in den wenigsten Fällen so gewesen sein -, der erkannte, dass die Fragestellung Ausdruck einer typisch deutschen Projektionsleistung und Schuldabwehr ist, dürfte bei den Ausschussmitgliedern, weil er sie eben als deutsche Ideologen entlarvte, ebenfalls unten durch gewesen sein.

Chance hatten diejenigen, die sich auf den moralischen Standpunkt zurückzogen und glaubhaft darlegen konnten, dass das Niederschießen auch von blutrünstigen Übeltätern, einen unweigerlich zu  unerträglichen Gewissenskonflikten und traumatischen psychischen Zuständen führen würde. Und weil die Gesellschaft der Bundesrepublik der siebziger Jahre nicht mehr nur vom Geist des preußischen Militarismus, dem deutschem Gehorsam und völkischem Nihilismus geprägt war, sondern auch eine demokratische Gesellschaft war, die sich die Gewissensfreiheit auf die Fahnen schrieb, hatte eben auch ein solches Individuum durchaus eine Chance – das gab es nicht in allen Staaten.

Aus diesem Exkurs wird deutlich: Das Individuum kann gute und hehre Gründe für Abscheu vor Gewalt haben, die in der Regel auch mit einer gesunden Abneigung allem militärischem gegenüber einhergeht. Diese Haltung ist sogar rational, wird das Individuum durch das staatliche Gewaltmonopol von der Zumutung befreit, zur Verteidigung der eigenen Interessen zu gewaltsamen Methoden greifen zu müssen. Das Individuum kann sich diese völlig unpolitische Haltung zur Gewalt leisten – für Staaten gelten da aufgrund der Unmöglichkeit eines supranationalen Gewaltmonopols, das den Staat vom politischen befreien würde, jedoch andere Regeln.

Der Widerspruch von Pazifismus und politischer Gesinnung der Friedensfreunde

Zurück zu unseren Friedensfreunden. In den Reihen der Friedensfreunde befinden sich zweifellos Menschen mit einer pazifistischen Haltung. Viele von ihnen halten das fälschlicher Weise für eine politische Haltung. Ein anderer Teil schließt sich aber aus politischen Gründen dieser Bewegung an. Man lüftet kein Geheimnis, wenn man fest stellt, dass wichtige Figuren der Friedensbewegung aus einem politischen Umfeld kommen, das einmal von den parteilich und nicht parteilich organisierten National-Kommunisten bestimmt wurde – und z.T. auch heute noch bestimmt wird. (Diese Feststellung ist grob vereinfachend und generalisierend, andere Staatsanbeter wie linke Sozialdemokraten, Antiimperialisten, Trotzkisten, auch Deutsch-Nationale u. a. Wutbürger gehören auch dazu.)

Nun kennt die kommunistische Politik keine besonderen Skrupel bei der Wahl der Mittel, wenn es darum geht, die Interessen der zu vertretenden Klasse durchzusetzen oder sie zu schützen. Auch innerhalb der eigenen Reihen war man in Auseinandersetzungen mit der Wahl der Mittel nie besonders skrupulös. Das sei hier nur festgestellt und soll diese Politik nicht diskreditieren, denn was diese Haltung betrifft, so unterscheidet sich die Politik dieser politischen Richtung nicht wesentlich von denen der anderen. Es sei nur auf den Widerspruch verwiesen, dass die vorgebliche pazifistische Haltung vieler Friedensfreunde dieser Provenienz in einem merkwürdigen Verhältnis zu ihrer politischen Gesinnung steht.

Camera obscura und die Weltpolitik

Das wird deutlich, wenn man sich den Aufruf der Ostermarschierer mal genauer anschaut. Die platte Parteinahme für islamistische Terrorgruppen, wie sie den Aufruf im letzten Jahr gekennzeichnet hatte, fehlt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Hamas und selbst die Hisbollah es zurzeit vorziehen, sich in der aktuellen Lage im Nahen Osten nicht zu sehr zu exponieren.

In der Darstellung verschiedener Konflikte werden jedoch in plumpester Weise Ursache und Wirkung vertauscht. Das wird in der unverhohlenen Parteinahme für politische Gangster und/oder Hasardeure in den Konflikten mit dem Iran, Afghanistan und Syrien deutlich.

Der „NATO-Krieg“ habe in Libyen mehrere zehntausend Menschen das Leben gekostet. In Libyen herrschte ein Bürgerkrieg, in dem die NATO zunächst gar keine Rolle spielte. Die Menschen, die in diesem Krieg starben, kamen aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Parteien um. Die NATO griff zugunsten einer Partei in den Konflikt ein und entschied bzw. beendete diesen dadurch. Das Ergebnis: Ein irrer Unsympath weniger. Ob die aktuelle politische Situation dem Fortschritt dienlich ist, soll hier nicht weiter diskutiert werden, der Krieg in Libyen war jedenfalls kein „NATO-Krieg“.

Der Krieg in Afghanistan ist komplizierter, als es die Friedensfreunde sich vorstellen. Der simple Rückzug, den die Friedensfreunde in Übereinstimmung mit den Bestrebungen der beteiligten Besatzungsmächte fordern, wird die Situation in Afghanistan nicht verbessern. Die Situation in Afghanistan ist Ergebnis eines Bürgerkrieges seit den siebziger Jahren. Dieser konnte eine kurze Zeitlang durch die Intervention der Sowjetunion befriedet werden. Durch die massive Intervention seitens Pakistans, Saudi Arabiens, der USA u. a. lebte der Bürgerkrieg wieder auf und führte letztendlich zur Terrorherrschaft der Talibangangster. Durch den dann diesmal von den USA bewerkstelligten Sturz der Talibanregierung schien es so, als könnte der Konflikt wieder pazifiziert werden. Doch die aktuell auswegslose Situation ist u. a. auch durch das opportunistische Paktieren der Besatzungsmächte mit Warlords, Islamisten, Drogen- u. a. Politgangster und durch das Beiseitedrängen demokratisch gesinnter Kräfte verursacht. Die wenigen dieser Kräfte, die bis jetzt wenigstens in Kabul einigermaßen vor den Killerkommandos unterschiedlicher Provenienz geschützt waren, würden nach dem Abzug ans Messer geliefert werden. Die „Mittel für den zivilen Aufbau“ werden diese wenigen nicht schützen.

Besonders peinlich wird der Aufruf dann, wenn es um den Iran geht. Die Friedensfreunde, die sich, je nach politischer Konjunktur – während der Fukushimakatastrophe an die Anti-Atombewegung – und aktuell an die Anti-Nazibewegung heranwanzen, stellen sich in ihrem Aufruf vor den quasi faschistisch regierten Iran und dessen Atomprogramm. Sie treten dann sogar als Verteidiger der zivilen Nutzung der Atomkraft auf. (Diese krasse Position wird in Stellungnahmen des Friedensratschlages noch deutlicher formuliert.)

Über Israel sollen hier nicht viele Worte verloren werden. Es ist seit Jahren bekannt und von uns dokumentiert, dass besonders die Kasseler Friedensfreunde zu den strammen Verfechtern des Antizionismus gehören. Nun wird mal wieder der Siedlungsbau skandalisiert. Wenn man sich auch nur ein wenig mit dem Nah-Ost-Konflikt befasst, weiß man, dass dieser allenfalls ein Randproblem in den Interessenswidersprüchen und Konflikten zwischen Israel, „den Palästinensern“ und den anderen arabischen Staaten darstellt.

Die Positionen der Friedensfreunde lassen sich auf diese Punkte bringen:

-         Atomkraft im Iran? Ja bitte!

-         Nukleare Abrüstung des Irans? Nein Danke!

-         Freie Hand den Diktatoren!

-         Liefert die letzten Demokraten Afghanistans den Islamisten aus!

-         Was schert uns die Sicherheit Israels?

Schluss: Moral ist kein Ersatz für Politik

Es ist keine intellektuelle Meisterleistung, wenn man konstatiert, dass das Umbringen von Menschen einen Zivilisationsbruch darstellt und egal wer getötet wird, die Tötung immer eine grausame, brutale, eine entmenschte Tat ist. Es wird immer so sein, dass in kriegerischen Auseinandersetzungen Menschen sterben und umgebracht werden, die mit dem Konflikt nichts zu tun haben – Kinder, Oppositionelle, Nichtkombattanten und Kombattanten, die sich ergeben haben etc.

Aus diesem Grund ist die Diplomatie den militärischen Massnahmen vorzuziehen. Doch nicht nur München 1938 zeigte, dass die Diplomatie ihre Grenzen hat, bzw. das hinter einer Verhandlungspolitik nicht immer das Ziel steckt “Kein Krieg!”, sondern andere Interessen.

Auch ist klar, dass die Waffen, die für die gewaltsame Austragung der Konflikte benutzt werden, produziert und dass durch die Produktion Gewinne und Profite erwirtschaftet werden. Die Firmen, die sich diesem Geschäft widmen, haben naturgemäß ein Interesse an Vertrieb, Verwendung und Vernutzung dieser Tötungsinstrumente. Sie handeln wie jeder Bäcker, wie jeder Solarkollektorhersteller usw. Sie optimieren ihre Produkte, den Vertrieb und die Produktion. Im Unterschied zum Bäcker sind die Kunden des Waffenhändlers jedoch der Staat oder die Bandenführer der Unstaaten, daraus resultiert die grundsätzlich mafiöse Struktur des Waffenhandels. Insofern scheint die Skandalisierung des Waffenhandels immer etwas wohlfeiles zu sein.

Doch so wie es keinen fairen Handel, keinen gerechten Lohn und keinen zinslosen Finanzsektor im Kapitalismus gibt, so gibt es keine Industrie, die Waren ohne Gebrauchswert produziert. Für die Waffenindustrie heißt dies, es wird keine Waffen geben, die nicht möglichst effizient töten und die nicht verkauft werden sollen.

Und da es in der Natur des Staates liegt, seine Souveränität nach innen und nach außen notfalls mit Gewalt durchzusetzten, kann es (bis auf ein paar unbedeutende Ausnahmen) keinen unbewaffneten Staat geben, und da es diesen nicht geben kann, wird es, solange Staaten existieren, Waffenproduzenten geben. Eine Kritik des Waffenhandels kann nur die Kritik des Staates und die Forderung nach seiner Aufhebung sein. Dies ist aber mit den Nationalen Sozialisten, den Nationalen Kommunisten und den anderen Wutbürgern der Friedensbewegung nicht zu haben.

Die moralische Position als politische Position ist unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen immer Ideologie. Das Interesse wird verteufelt, die Moral ist jedem Verdacht erhaben: In der verkehrten Welt (Debord), die der Friedensfreund simpel als dichotomischen Gegensatz von Gut und Böse interpretiert (Imperialisten – Antiimperialisten; Besatzer – Besetzte; Israelis – friedliebende Völker, etc.), geriert sich der Friedensfreund als Kämpfer für das Gute. In einer Gesellschaft der dem Kapitalverhältnis zugrundeliegenden Interessensgegensätze ist die Interpretation, die diese Interessen in ein Gut-und Böse-Schema einordnet und nicht als Ausdruck des Kapitalverhältnisses betrachtet, der Wunsch nach der Aufhebung der gesellschaftlichen Gegensätze bei Beibehaltung ihrer Grundlage.

Der Ruf nach Frieden ist angesichts der politischen Verhältnisse naiv, oder ein Paktieren mit Mördern.


Kasseler Sozialdemokrat beklagt Terror gegen die deutsche Bevölkerung

März 2, 2012

Im Zusammenhang eines von der Kasseler Linken eingebrachten Antrags zum Rüstungsstandort Kassel kam es zum Beitrag des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Christian Geselle

In der Auseinandersetzung mit dem Antrag der  Kasseler Linken meinten die SPD Chefs, Hilgen und Frankenberger, sich  zum einen vor allem schützend vor die Kollegen der Kasseler Rüstungsbetriebe stellen zu müssen. Zum anderen fühlten sie sich als Kasseler Stadtverordneten schlicht nicht dafür zuständig, ob und welche Rüstungsgüter wo und für wen und mit welchen Folgen hergestellt werden, da das allein Sache der Bundesregierung sei, über so etwas zu befinden.

Der Beitrag des SPD-Genossen Geselle jedoch erklärt den Antrag der Kasseler Linken für völlig daneben und schreibt bei der Gelegenheit die deutsche Geschichte um.  Der Antrag der Kasseler Linken, so Geselle, sei verfehlt, weil die alliierten Bombenangriffe ja gar nicht den Rüstungsbetrieben gegolten hätten. Vielmehr sollte lediglich die Bevölkerung terrorisiert und demoralisiert werden!

So weit ist es schon. Mit einer derart üblen, sonst nur in der äußersten Rechten benutzten Argumentation, wird die Geschichte auf den Kopf gestellt.  Zum einen stimmt dieses Argument faktisch nicht, weil sich die Kasseler Rüstungsindustrie – in der Tat schwer getroffen – erst im März 1944 von den schweren Zerstörungen durch die Bombardierung wieder soweit „erholt“ hatte, dass die 43iger Produktionsziffern erneut erreicht wurden.  Zum anderen war der zu großen Teilen fanatisierten deutschen Bevölkerung gar nicht anders als mit massiven Bombardierungen und entsprechenden Opfern beizukommen. Hätte die deutsche Bevölkerung  ihre entfesselte rassistische Führung nach dem längst verlorenen Krieg entweder verjagt oder zu den längst überfälligen Friedensverhandlungen genötigt, wären viele deutsche Städte gar nicht erst angegriffen worden. Und nicht nur die ums Leben gekommenen Kasseler hätten den Krieg überlebt.

Jetzt auch in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung den Alliierten für die Bombardierung der deutschen Städte die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist ein starkes Stück. Schuld und Verantwortung tragen die Nationalsozialisten und alle diejenigen Deutschen, die sie gewählt, bejubelt, gefeiert und ihnen Handlungsfreiheit gegeben haben – bis zum letzten Tag und bis zur letzten Patrone.


Ein politisch-kultureller Super Gau(ck)

Februar 29, 2012

Antisemitismus erhält Einzug ins Schloss Bellevue. (Clemens Heni)

In einer recht bemerkenswerten, gleichsam volksgemeinschaftlichen Aktion haben Angela Merkel (CDU), die FDP und die SPD am 19. Februar 2012 Joachim Gauck als neuen Bundespräsidenten vorgeschlagen. Er wird im März gewählt werden. Demokratischen Streit über die Kandidatur oder mögliche Gegenkandidaten wird es für die Nachfolge von Ich-spreche-eben-gerne-und-engagiert-auf-Anrufbeantworter-Wulff so gut wie nicht geben.

Weiter geht es hier … (http://clemensheni.net/2012/02/20/ein-politisch-kultureller-super-gauck-antisemitismus-halt-einzug-ins-schloss-bellevue/)


Die Lebenden und die Toten und die deutsche Erinnerung

Januar 21, 2012

Den Toten die Erinnerung …

70 Jahre Wannseekonferenz und 27. Januar – die deutsche Erinnerungsmaschine beginnt den mittlerweile üblichen Durchlauferhitzer medialer Befassung und politischer Sonntagsreden zur Geschichte anzuwerfen. In den Medien werden von der Provinzpresse bis zum offiziösen Staatsfunk mehr oder weniger gelungene Beiträge zur Geschichte und Bedeutung der Wannseekonferenz beigesteuert. Politiker, vom Bundespräsident bis hinab zum Provinzbürgermeister, äußern ihren Willen, an das staatlich organisierte Morden zu erinnern.

In Deutschland gehört es mittlerweile zum guten Ton, daran zu erinnern, dass es den Massenmord an den europäischen Juden gegeben hat. Es wird von „Verantwortung tragen“, „öffentlicher Trauer“ und zu definierenden „nationalen Aufgaben“ usw. gesprochen.

Schwer tun sich die Offiziellen aber immer noch damit, dass der organisierte Mord mit Wissen, Zustimmung und mit einem aktiven Beitrag der deutschen Bevölkerung geschehen ist und vor allem, warum dies so gewesen ist. Immer noch ist es das herbeiphantasierte Subjekt, „im deutschen Namen“, das den massenhaften Mord begangen hat, oder es wird von etwas geredet, “das von unserem Land ausgegangen ist.” (aktuell z. B. BP Christian Wulff)

Erinnerung als Instrument der Politik

Kaum ein Beitrag kommt ohne die Diskussion um die Vergleichbarkeit des deutschen Massenmordes an den Juden aus (zuletzt in “Die Welt“, regional mit anderer Intention die Kasseler Friedensfreunde auf dem Kasseler Ostermarsch 2010). Häufig wird darauf verweisen, dass ohne Vergleich keine Erkenntnis möglich wäre. Dies ist sowohl eine Binsenweisheit als auch ein Trugschluss. So kann der Vergleich nur schlecht erklären, worin das Wesen des Einen im Gegensatz zum Anderen besteht oder worin die Ähnlichkeit und/oder die Wesensgleichheit besteht und was diese letztendlich zu bedeuten hat.

Ein Vergleich kann nur der Ausgangspunkt einer Hypothese sein, auf die dann eine Analyse zu folgen hat. In der Regel bleibt es bei der Hypothese und auch der mantrahaft wiederholte Satz der Nichtvergleichbarkeit kaschiert nicht, dass die Erwähnung historischer und aktueller barbarischer Akte im Zusammenhang mit der Shoah nicht der Analyse der antisemitischen Mordtat dient.

In der politischen Auseinandersetzung dient der Vergleich vielmehr dazu, einen Link herzustellen, um das zu Vergleichende doch irgendwie mit einander in Bezug zu setzten. Der Antikommunismus (ob berechtigt oder nicht, das soll hier nicht debattiert werden) versucht im Vergleich des stalinistischen Terrors mit dem antisemitischen Vernichtungswahn den Kommunismus sowohl als Idee wie auch als politische Praxis schlechthin zu verdammen.

Der deutsche Geschichtsrevisionismus bedient sich des Vergleichs, um die Shoah als solche zu eskamotieren. Die deutsche Tat sei zwar zu verurteilen, aber eine unter vielen oder sie sei die (zwar falsche) Antwort auf eine viel schlimmere Tat.

In wiederum ganz anderen Kreisen fungiert die Shoah als Anschauungsbeispiel eines grässlichen Kriegsverbrechens, vor dessen Wiederholung gewarnt wird und die es zu verhindern gelte. Das reicht vom berühmt-berüchtigten Ausspruchs Joschka Fischers, im Kosovo ein neues Auschwitz zu verhindern, bis hin zu den unrühmlichen Assoziationsketten der 68er, die Kriegsverbrechen der US-amerikanischen Armee in Vietnam mit dem Ausspruch „USA-SA-SS“ in die Nähe des deutschen Massenmordes stellten.

Diese Haltung findet sich bis heute bei der Friedensbewegung und den Traditionslinken, wenn diese kriegerische Handlungen (vornehmlich die der NATO oder der USA) in eine Beziehung zum Massenmord der Nazis setzten, oder allgemein wenn die Lehre aus 12 Jahren Nationalsozialismus „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!” heißen soll.

Die Erinnerung gilt der Vergangenheit. Deutschland als „Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“ versucht seit ca. 1990, sich in der Erinnerung am Nationalsozialismus von der Nachkriegsrepublik, die 1990 in einem geeinten Deutschland aufging, zu unterscheiden.

Die sich zunehmend durchsetzende neue geschichtspolitische Betrachtungsweise der Vergangenheit diente fortan sowohl der Legitimierung einer neuen Außenpolitik Deutschlands (des neuen deutschen militärischen Engagements und des zunehmend durchgesetzten Führungsanspruchs in der EU), als auch einer als notwendig erachteten Abgrenzung der westdeutschen Sieger gegen die vergangene DDR und mittlerweile, der Bundespräsident hat es vorgeführt, um vor dem politischen Extremismus zu warnen.

Aus dem Tatbestand, dass man nach 1945 die meisten Nazis in Amt und Würde ließ, was zunehmend zerknirscht zur Kenntnis genommen wurde, sei zu lernen, dass man nun mit den ehemals Verantwortlichen und dem Gedankengut der DDR als zweiter deutscher Diktatur um so konsequenter abzurechnen habe.

Der Extremismus der Mitte und die Rolle der Bösen

Schon die Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung sowohl in der deutschen Gesellschaft als auch im Hamburger Institut für Sozialforschung verwies auf die Grenzen der neuen Haltung. In der zweiten, der offiziösen Sichtweise eher entsprechenden, Ausstellung wich die Realität des Antisemitismus als Ideologie der deutschen Volksgemeinschaft, die der Nationalsozialismus am konsequentesten zum Ausdruck brachte, einer Darstellung des deutschen Massenmordes als ein Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Diese Sichtweise hat sich etabliert und findet ihre Entsprechung in einer fast hegemonial zu bezeichnenden Totalitarismusthese, für die jüngst das mit großer Begeisterung aufgenommene Werk „Bloodlands“ des britischen Historikers Snyder als Beleg gelten darf.

Der Mord an den Juden wird als ein zwar besonders monströses, aber doch auch nur als eines, in einer Reihe von vielen politischen Verbrechen gesehen. Die zunehmende Bedeutung des Begriffs Völkermord sowohl in der medialen Landschaft, um Kriegsverbrechen und politische Massenverbrechen (wie z. B. in Ruanda und Kambodscha) zu beschreiben, als auch im internationalen Recht um diese abzuurteilen, ist Ausdruck dafür, dass die deutsche Erinnerungsideologie den Weltgeist durchwest.

Das Spezifische der antisemitischen Vernichtungstat, die gerade in der modernen Gesellschaft Deutschlands erst zur Vollendung gebracht werden konnte, geht vor dem Hintergrund vieler anderer historischer und aktueller Entsetzlichkeiten unter (obwohl hier eine vergleichende Analyse die wesentlichen Unterschiedlichkeiten herausstellen könnte).

Die das Wesen des Nationalsozialismus negierende Sichtweise ist die gängige Art der Verwendung der Geschichte als politisches Argument. So kann mit einer aus der Vergangenheit zu ziehenden Lehre die deutsche Außenpolitik begründet werden, als auch im Inneren der Kampf gegen den Extremismus geführt werden

Der Nationalsozialismus wird als extreme Politik eines entfesselten Staatsapparates oder die einer verbrecherischen Clique verstanden. Gelegentlich wird mit dem Nationalsozialismus auch die Wut der entfesselten Underdogs assoziiert. Egal wie, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sei durch falsche Versprechen verführt, übertölpelt oder durch massive Gewalt eingeschüchtert worden. Trotz des gelegentlichen Zugeständnisses, dass der Nationalsozialismus auf eine mehr oder weniger ausgeprägte Zustimmung in der Bevölkerung stieß, werden Manipulation und Verführung, Unterdrückung und Gleichschaltung, Ausgrenzung und Verfolgung, sowie Intoleranz und Extremismus als herausragende Elemente der herrschenden Naziclique bezeichnet, mit denen diese das deutsche Volk überzogen hätte.

So scheint der Appell für politische und gesellschaftliche Toleranz, für Pluralismus und Meinungsfreiheit – insgesamt das Plädoyer für eine Politik der gesellschaftlichen Mitte – als das Gebot der Stunde.

Politische Intoleranz, Extremismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie etc., auch ein unspezifischer Begriff vom Antisemitismus, werden als einzelne Entitäten eines verdammenswerten politischen Extremismus aufgezählt, zu der eben auch der Nationalsozialismus, der Kommunismus oder auch der Islamismus gezählt werden. Als Extremismus wird der NS zum randständigen (historisch vorübergehend jedoch allmächtigen) Phänomen der deutschen Gesellschaft.

Der Antisemitismus, als notwendige Ideologie sich einer, von abstrakten Zwängen und unbegriffenen Krisen kapitalistischer Vergesellschaftung „bedroht“ sehenden Volksgemeinschaft, wird im Extremismusbegriff und in der Erinnerungskultur nicht reflektiert. Die Bedeutung einer Ideologie, die dem Wahn einer sich von externen Kräften in seiner Existenz bedroht fühlenden Gemeinschaft (dem deutschen Mittelstand) entspringt, kann in einer Politik keine Rolle spielen, die eben diese Gemeinschaft von sich spinnefeind gegenüberstehenden Einzelnen stets aufs neue zu formieren versucht.

So werden trotz teilweise regionaler Verankerung und Duldung von Nazis im deutschen Alltagsleben, trotz der Ignoranz des deutschen Sicherheitsapparates und der Verfilzung mit dem Geheimdienstapparat, reale Nazis vornehmlich als Phänomen extremistischen Ausdrucks eines randständigen und deklassierten Teils der Bevölkerung begriffen. Die so stigmatisierten können dann als vorrangiges Ziel politischer Befassung dienen. Die Haltung des Sicherheitsapparates kann als Begriffsstutzigkeit, die des Geheimdienstes als Ausdruck verschwörerischer Umtriebe sinister Personen begriffen werden. Das ist die Stunde derjenigen, die Gesicht zeigen wollen, die das anständige Deutschland repräsentieren wollen, das ist die Stunde der Untersuchungsausschüsse und des investigativen Journalismus. Der Nazi hat also nichts mit der Mitte der Gesellschaft zu tun, sondern soll – so der offiziöse Antiextremismus – als das von ihr Besondere aufgedeckt, denunziert und bekämpft werden.

Solange die Interpretation der Erscheinungen der kapitalistischen Moderne als  Bedrohung für die Volksgemeinschaft nach wie vor aktuell und integraler Bestandteil der Ideologie der deutsche Mitte sind, also das Lamentieren über und das Protestieren gegen die “Macht des Geldes”, gegen die “Raffgier böser Kapitalisten”, gegen die “Lobbyisten und die Käuflichkeit der Politiker” usw. zentraler politischer und kultureller Ausdruck des politischen Bewusstseins des in seiner ökonomischen Existenz latent immer in Frage gestellten deutschen Mittelstandes ist und diese Ideologie trotz aller Toleranz, Kulturbeflissenheit und Ausgewogenheit letztendlich auf Mord hinausläuft, so wird trotz aller Gedenktage und –feierlichkeiten, nicht die Bedeutung der Vergangenheit auf die heute Lebenden reflektiert werden, sondern dienen die Toten der Ideologie der sich bedroht fühlenden Gegenwärtigen. Die Erinnerung ist Teil einer Nebelmaschine.

What the fuck is antisemitism?

Nicht der Stiefelnazi ist der vollendete Ausdruck des Antisemitismus, sondern im Extremismus der Mitte findet der Antisemitismus zu sich selbst. Warum?

Der Mord an den Juden war keine verbrecherische Begleiterscheinung eines (eskalierenden) mörderischen Krieges und einzelner durchgeknallter Exzessivtäter, sondern der deutsche Krieg wurde (auch) geführt, um die Juden zu vernichten, die Täter waren Bestandteil eines rational geführten staatlichen Apparates.

Die deutsche Bevölkerung beteiligte sich nicht deswegen am Judenmord, weil sie Sadisten waren oder scharf darauf waren, die Möbel der Deportierten sich anzueignen, den Laden oder die Firma des jüdischen Besitzers zu übernehmen, oder die Goldzähne der Vergasten zu sammeln, sondern weil im Mord am Juden der Deutsche als Volksgenosse und in der so praktizierten Aufhebung der kapitalistischen Moderne in der Volksgemeinschaft zu sich selbst fand. Und so galt auch der zutiefst deutsche Satz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, beim Judenmord. Der Jude wurde verfolgt, nicht weil es bei ihm als konkretem Nachbarn etwas zu holen gab, oder weil ein ausgewiesener Sadist sein Mütchen am wehr- und ehrlos Erklärten kühlen konnte, sondern weil der Jude als jeweils einzelne Verkörperung der halluzinierten allgemeinen Bedrohung des Volkskörpers vernichtet werden musste. Es gab zwar auch die vielen Profiteure am Massenmord (Götz Aly beschreibt dies), doch die zu machende materielle Beute und die psychopathische Befriedigung in der Tat waren nicht das Wesen des antisemitischen Massenmords, sie waren gewissermaßen der Extraprofit einer hegemonialen Wahnidee.

Dass einige, auf dem Niveau des deutschen Alltagsverstandes, aufgeklärte und moralisch empfindenden Volksgenossen den empirischen Juden nicht unbedingt als straffrei auszuraubendes Opfer und darüber hinaus auch nicht als Verkörperung des Bösen ansahen, widerspricht nicht der bestimmenden Rolle des antisemitischen Wahns in der deutschen Gesellschaft. Diese Erscheinung steht für das Nebeneinander, dass auch einige Deutsche Juden versteckten, sich sonst aber der Maschinerie des NS nicht in den Weg stellten, und als funktionierende Teile des Ganzen diese erst möglich machten.

Es waren daher nicht die sadistischen Täter und die kühl mordenden SS-Männer in den Vernichtungslagern und den osteuropäischen Mordfeldern, die für den mörderischen Antisemitismus repräsentativ waren. Es waren die ganz normalen Deutschen, die wenn es der Zufall ihrer beruflichen Biographie wollte, eben nicht Gärtner, Bäcker, Maschinenschlosser oder Verkäufer waren, sondern als brave und fleissige Angestellte und Beamte pünktlich ihren Dienst antraten, um die antisemitische Gesetzgebung und Richtlinien auszuformulieren, die Enteignungsprozesse abzuwickeln, die Listen der zu Deportierenden zusammen zu stellen, die Fahrpläne für die Deportationszüge zu erstellen, die Vernichtungslager zu planen, das Gas herzustellen, zu verpacken und zu liefern und die die Juden in die Bahn verfrachteten. Jeder von ihnen kannte eventuell einen konkreten Juden und hatte nichts gegen ihn persönlich, aber …

Das ist in der Struktur – freilich auf einer qualitativ anderen Ebene  – auch heute so. Deutschland geriert sich als bester Verbündeter Israels, Kontakte zu den Menschen in Israel werden bis in die Kommunen hinein gelebt, die jüdischen Gemeinden werden feierlich kontaktiert – Aber Studien (siehe unsere Dokumente) beweisen das immer wieder: Über 20% der Bevölkerung weisen Affinitäten zu antisemitischen Gedankengut auf und wenn es um Israel geht, fallen alle Hemmungen.

… den Lebenden der Verrat

Am 8. Mai 1945 endete vorerst der deutsche Versuch, Europa seiner Herrschaft zu unterwerfen. In den eroberten Gebieten konnte die Vernichtungspolitik gegen die Juden jedoch fast vollständig umgesetzt werden. Die wenigen zufällig Überlebenden wanderten zum größeren Teil nach Israel aus. Deutschland hat in der EU zwar eine reale Führungsrolle übernommen, beherrscht den Balkan als seinen Hinterhof, gegenüber Israel geriert sich Deutschlands offizielle Politik jedoch als „Freund“ und treuer Verbündeter.

Doch die Überlebenden von Auschwitz und der Staat Israel sind eine Provokation für die deutsche Ideologie. Nicht die deutsche Erinnerungsmaschine erinnert die Deutschen daran, dass sie die Vernichtungslager betrieben, sondern sowohl der einzelne lebende Jude wie die Existenz des Staates Israel. Offener Judenhass ist nicht en vogue – in den Medien und in der „Zivilgesellschaft“ äußert er sich als ehrbarer Antisemitismus und in Form der allenthalben hegemonialen „Israelkritik“.

Die reale Vernichtungsdrohung gegen Israel geht heute nicht von Deutschland aus, sondern vom Iran und von dem, in den arabischen Massenbewegungen hegemonialen Islamismus. Es fehlt diesen zwar aktuell noch an den Mitteln, ihren Wahn in Form eines vernichtenden Krieges gegen Israel umzusetzen. Doch das iranische Streben nach der Atombombe ist die logische Umsetzung  der vom antisemitischen Furor propagierten Idee, Israel von der Landkarte zu radieren. Auch der sich in den arabischen Rebellionen konstituierende Volkskörper transformiert sich immer wieder zum Mob, der mangels realer Juden, sich erst einmal an den Institutionen des israelischen Staates austobt, oder an den als Fremdkörper deklarierten Minderheiten wie Christen, Schwule oder selbstbewusst auftretenden Frauen.

Die an die Macht drängenden islamistischen Gruppierungen werden bald mit den Niederungen und Sackgassen konkreter Politik konfrontiert sein. Die gesellschaftliche und ökonomische Krise der arabischen Nationen werden sie durch eine wie immer geartete Politik bestenfalls kaschieren können. Nur der Ruf nach der “Befreiung Palästinas” wird als einigendes Band und als vermeintliche Lösung der arabischen Krise ideologisches Programm bleiben.

Die Ignoranz sowohl der von Deutschland beherrschten europäischen Politik, die sich trotz beharrlichen Drängens der USA immer wieder wirksamen Sanktionen gegen den Iran entzieht, ist die eine Seite der Medaille, die von allen Kreisen der Politik an Israel adressierten Aufrufe zur Mäßigung sind als Bestandteile der Delegitimierung des Trachtens des Israelischen Staates, die eigene Bevölkerung zu schützen, die andere Seite.

Die Begeisterung der Medien und des aufgeklärten Mittelstandbürgers angesichts der losgelassenen Massen in den arabischen Staaten, in denen von Anfang an antisemitische Untertöne vernehmbar waren, steht nur im scheinbaren Gegensatz zu den ob ihrer Schlichtheit und tumben Antizionismus einfach zu denunzierenden Dinosauriern der Traditionslinken. Gegenüber Israel, dem Staat der lebenden Juden, formiert sich nach wie vor die Volksgemeinschaft. Sie reicht in seltsam anmutender Eintracht der deutschen Erinnerungsarbeit von den friedensliebenden Bewegungen zum distinguiert auftretenden Liberalen oder Konservativen, von der Journaille bis zu den Regierenden.


Schläfer in Nordhessen

November 29, 2011

In Nordhessen spielen in Geschichte und Gegenwart nationalsozialistisches Gedankengut und Praxis immer wieder eine Rolle. Einer der Abgeordneten der in Kassel gegründeten antisemitischen Partei gewann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sein Mandat in Nordhessen. In Kassel fuhr die NSDAP respektable Wahlergebnisse ein. Die politische Laufbahn des Roland Freisler begann in Kassel. Der Reichskriegertag, der Besuch Hitlers und auch die öffentliche Bücherverbrennung fanden in Kassel einen enormen Zuspruch in der Bevölkerung. Die Reichspogromnacht fand unter Beteiligung der Bevölkerung zwei Tage früher, als im restlichen Deutschland statt.

Jahrelang waren die Grafen von Waldeck-Pyrmont ein Anlaufpunkt der HIAG. Seit Jahren spielen die Anhänger so genannter Freier Kameradschaften im Schwalm-Ederkreis eine bedeutende Rolle im Alltagsleben des flachen Landes.

Die Schläfer und die Schläger in unserer Gesellschaft

Die jahrelang ungeklärte Mordserie an türkisch- und griechischstämmigen Bürgern ist von einer Nazitruppe begangen worden. Auch ein Kasseler Ladenbetreiber in der Holländischen Straße wurde von ihnen ermordet. Eine Rolle spielte dabei ein beim Verfassungsschutz aktiver Mann aus Hofgeismar, der als kleiner Adolf bezeichnet wurde. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Mitstreiter des so genannten Freien Widerstands in Kassel, aktives Mitglied der CDU und der Jungen Union Mitglied war. Dort bekannte er sich, will man dem Vorsitzenden der Nordstadt CDU Glauben schenken, nicht offen zu seiner Gesinnung. Vor einigen Monaten wurde ebenfalls ein Mitstreiter dieser Gang bei der freiwilligen Feuerwehr enttarnt, auch dort hieß es, dieser sei nicht weiter aufgefallen.

Seit mehreren Jahren treibt ein anderer, als Totschläger vorbestrafter Nazi, sein Unwesen in der Kasseler Nordstadt. Dieser mittlerweile einsitzende Mann, führte eine Truppe Saufnazis an, die durch ihre Pöbeleien, ihr unverholen aggressives Gebaren, bei vielen Menschen Angst und Schrecken verbreiten.

Gemeinhin wird das Gedankengut des Nationalsozialismus als extremistisch oder als rechtsextremistisch bezeichnet. Die Kasseler Saufnazis fallen dadurch auf, dass sie mit ihrem äußeren Erscheinungsbild als Nazis alle Erwartungen erfüllen und eine Distanzierung der Mitte der Gesellschaft leicht machen. Ihr Alkoholismus und ihr bisweilen nur als deviant zu bezeichnendes Auftreten dürfte auch vom Mann/von der Frau der gesellschaftlichen Mitte nur als asozial bezeichnet werden.

Anders ist dies bei den Mitstreitern des so genannten Freien Widerstandes und den meisten Aktivisten anderer Naziparteien, wie der NPD. Diese sind in Vereinen tätig, können, wo keine entsprechenden Parteistrukturen existieren, Unterschlupf in der CDU (und sicher auch in anderen Parteien) und im deutschen Vereinswesen finden. Dort treten sie nicht mit den Sprüchen auf, mit denen sie sich selbst und ihre Gesinnungsgenossen im Internet und wenn sie unter sich sind brüsten und für die auch die Saufnazis berüchtigt sind.

Auch fallen sie ihren deutschen Nachbarn in der Regel nicht als wilde und ungehobelte Kerle auf, sondern als bisweilen tüchtige und engagierte, häufig freundliche und zuvorkommende Menschen. Doch dieser Schein trügt, wie viele Beispiele von Straftaten zeigen, die von Tätern auch aus diesen Reihen begangen wurden und werden.

Extremismus und der Wutbürger

Die nationalsozialistische Ideologie ist dem ersten Anschein nach rechtextrem. Der offen formulierte exterminatorische Antisemitismus dürfte keine (aktive) Zustimmung in der gesellschaftlichen Mitte finden. Auch beim unverholen geäußerten Rassismus in der Öffentlichkeit dürfte dies der Fall sein. Etabliert sind Lichter- und Menschenketten, Schweige- und nationale Gedenkminuten u.ä. was der so genannte Aufstand der Anständigen sonst noch so zu bieten hat.

Trotzdem, es gibt reichlich Forschung die belegt, dass rassistisches und antisemitisches Gedankengut in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet ist. Der von so genannten rechtspopulistischen Gruppen verbreitete Argwohn gegen die als Muslime deklarierten Menschen (Türken, Araber usw.) findet über die Parteigrenzen hinweg weite Zustimmung. Vielen Menschen wäre es unangenehm einen jüdischen Nachbarn zu haben, viele Menschen sind der Auffassung Juden hätten zu viel Einfluß in der Gesellschaft und Antisemitismus artikuliert sich auch in Form der so genannten Israelkritik über dieses Spektrum hinaus, in der Friedensbewegung sowie in linken Kreisen.

Besonders aber die Empörung über wesentliche Erscheinungen der Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist es, die von breiten Kreisen in der Gesellschaft artikuliert wird. Dafür stehen paradigmatisch das Idiom des Kleinen Mannes, mit dem man ja alles machen könne, das der Melkkuh der Nation, die für alles herhalten müsse und jüngst der so genannte Wutbürger. Dieses sich vor allem in den Leserbriefspalten der Presseorgane idealtypisch artikulierende Wutbürgertum geht einher mit dem Ruf nach dem Staat, der es doch richten möge.

Die Linke, soziale Gerechtigkeit und die Auswüchse des Kapitalismus

Der Wutbürger findet in vielen Momenten gesellschaftlicher Widersprüche Anlässe fürs Engagement und möchte jedoch nichts von seinen in dieser Gesellschaft gut aufgehobenen Interessen aufs Spiel setzten. Die vermeintlichen Segnungen der bürgerlichen-kapitalistischen Gesellschaft, sollen bei Abwehr der ihr gleichsam innewohnenden Gefahren beibehalten werden. Höhere bzw. gerechte Löhne bei Beibehaltung des Lohnarbeitsverhältnisses, Bewegungsfreiheit bei gleichzeitigem Schutz vor “Billiglohnkonkurrenz” aus dem Ausland, Befreiung von der Zinslast bei Beibehaltung der Zinseinkünfte durch Lebensversicherungen, Sparkonten usw., keine „gierigen“ Manager bei Beibehaltung weltweit erfolgreicher deutscher Wirtschaftsunternehmen, kein Weltpolizist USA bei Beibehaltung der für Deutschland vorteilhaften Weltwirtschaftsordnung, Politikverdrossenheit und Schimpfen auf Lobbyisten, kein Durchgangsverkehr in der eigenen Straße bei ungehindertem Individualverkehr usw., usf.. Es gibt derer zahllose weitere Beispiele in allen Bereichen der Gesellschaft, in denen das Grundmuster der Ideologie nach Versöhnung der Widersprüche bei Beibehaltung der sie hervorbringenden Grundlage deutlich wird. Erfolgreich wurde eine Zeitlang diese Ideologie von Parteien der reformorientierten Linken und Organisationen wie Attac und jüngst von der Occupy-Bewegung vertreten.

Noch einmal der Extremismus der Mitte

Doch war dieses Muster auch Grundlage der Ideologie der Nazis, die sie so erfolgreich machten. Im Gegensatz zur radikalen Linke, die den Anspruch hatte, die Gesellschaft umzustürzen und dies den von den Widersprüchen und den Heteronomien der kapitalistischen Gesellschaft Betroffenen anheimstellte, oder sie zu diesem Behufe zu organisieren und zum Kampfe aufzufordern um die Verhältnisse so einzurichten, dass einjeder ein befreite Existenz führen könne, ist es Programm der Nazis, die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft in der zu bildenden Volksgemeinschaft aufzulösen, indem sie dieser versprachen diese als Bandenmitglieder an der zu machenden Beute zu beteiligen.

Das Programm der Linksradikalen und der Versuch dieses umzusetzten war spätestens 1923 gescheitert. Das Programm der Nazis kann nur funktionieren in dem eine Gruppe von Menschen für die scheinbar als Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft bezeichneten Phänomene wie Geld, Zinskapital, Gier und Wucher verantwortlich gemacht werden und indem Raub und die Plünderung zum Programm erhoben werden. Durch Raub- und Vernichtungskrieg, durch Ausplünderung und Mord an den Juden funktionierte dieses System auch eine Zeitlang und führte zu immer größerem Zuspruch in der Bevölkerung.

Dieser Zuspruch bröckelte dann ab 1943, als klar wurde, dass die gemachten Versprechungen nicht eingehalten werden konnten. Nicht die Bestialität führte zur Abwendung und Widerstand größerer Kreise in der Bevölkerung, sondern die Nichterfüllbarkeit der Versprechungen und die absehbare Niederlage führten zu Verdruß und zur (freilich bis zu seinem Ableben unterdrückten) Wut auf den Führer. Der Extremismus hatte 1945 vorerst ausgedieht, jahrzehnte herrschte dann deutsche Larmoyanz.

Die Option des Extremismus

Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce, heißt sinngemäß ein Bonmot Marx’. Dass freilich die nationalsozialistische Option nach wie vor eine Rolle spielt, ist in Ungarn zu beobachten. Auch in der Slowakei, in Bulgarien und in der Tschechischen Republik sind immer häufiger beängstigende pogromartige und von den Exekutivorganen weitgehend geduldete Zusammenrottungen gegen ortsansässige Sinti und Roma zu beobachten. Auch in den Ländern in denen islamistische Parteien und Gruppierungen eine große Rolle spielen oder ebensolche Diktaturen herrschen, kann die Wirksamkeit des ideologischen Musters, nachdem der Nationalsozialismus funktionierte beobachtet werden.

In Deutschland? In der Öffentlichkeit erleben wir eine breite Empörung angesichts der als Nazimorde entdeckten Untaten. Auch das NPD-Verbot, eine schärfere Ahndung von Nazipropaganda wird von vielen gefordert. Zu erwarten sind die sattsam bekannten jedoch hilflosen Aktionen wie Gesicht zeigen, Latschdemos auf denen sich gegenseitig die richtige Gesinnung attestiert wird und die bekannten Parolen von “Nazis raus!” bis “Nie wieder Faschismus!”. Doch nur selten wird die Frage durchdekliniert, warum es den Sicherheitsorganen so schwer fällt, bestehendes Recht gegen die per se gesetzeswidrigen Umtriebe von Nazis umzusetzen, bzw. diese überhaupt als solche zu erkennen. Warum erst jahrelang im familiären Umfeld der Opfer ermittelt wurde und nicht die Option bedacht wurde, es hätte ein rassistisch Motiv geben können. Bekannt sind auch die Beispiele, dass staatliche Exekutivorgane Antinazibuttons als Verbreitung von Nazisymbolik verfolgten. Bekannt ist der Umstand, dass Bürger, wenn sie sich den Nazis in den Weg stellen, eher den polizeilichen Zugriff fürchten müssen, als den der Nazis. Grundsätzlich fragt sich, was ein Verfassungsschutz den ganzen Tag außer Zeitung lesen und Nazikader zu finanzieren sonst noch tut. Jede antifaschistische Initiative ist über die Umtriebe der Nazis besser informiert, als es der Verfassungsschutz zu sein scheint.

Die Deutsche Sehnsucht nach Aufhebung der Widersprüche auf ihrer eigenen Grundlage ist so weit verbreitet wie seit eh und je. Sie ist der Humus in dem die Schläfernazis ihre ideale Existenzgrundlage finden. Der Zuspruch zu den Sauf- und Totschlägernazis wird begrenzt bleiben, doch ihre Rolle ist die, wie seinerzeits die der SA, diejenigen einzuschüchtern die keinen Platz in ihrem Weltbild haben und die, die offen gegen diese politische Option agieren. Die Exekutivorgane rekrutieren sich aus der Mitte der Gesellschaft. So erkennen sie, wie der Jedermann aus der gesellschaftlichen Mitte, natürlich denjenigen, der “Sieg-Heil” und “Juden ins Gas” brüllt und schreiten vielleicht auch dagegen ein, lassen aber mal fünfe gerade sein, wenn der Kumpel mal ein Judenwitz macht, oder über die angeblich vielen Pinguinfrauen mault, die sein Auge beleidigen – ansonsten aber ein anständiger Kerl ist, der gerne mal eine Runde streut und morgens mit gebügelten Hemd und gewaschenem Haar im Dienst erscheint.

Trotzdem bleibt es schwer abzuschätzen, wie die gesellschaftliche Entwicklung weiter geht. Es ist im Moment nicht absehbar, dass der Extremismus der Mitte zur politischen Option wird. Die Nazis haben auf der politischen Ebene keine große Bedeutung. Dennoch, Deutschlands Tun und Lassen wird seit 1989 nicht mehr durch die Siegermächte überwacht und eingehegt. Auch die EU hegt die deutschen Machtansprüche nicht ein, sondern entwickelt sich immer deutlicher zum Machtinstrument deutscher Interessen. Wenn die sich zuspitzenden ökonomischen Probleme extreme Lösungen erfordern, um der deutschen Mitte eine wie auch immer geartete Existenz zu sichern, wird sich zeigen, ob angesichts der so genannten Politikverdrossenheit die Volksparteien in der Lage sind, diese zu Lasten zu definierender Opfer zu bedienen.

Die Option der Aufhebung der Widersprüche im Sinne einer Emanzipation des Menschen ist seit (spätestens) 1923 verschüttet.


Die IAEA stellt fest: Der Iran baut die Bombe

November 9, 2011

Was längst als offenes Geheimnis gilt, ist nun durch die internationale Atomenergiebehörde bestätigt worden. Der Iran baut die Atombombe. Wozu? Der Iranische Präsident und auch andere iranische Politiker haben an ihren Absichten gegenüber Israel keine Zweifel gelassen.

Näheres in der Zeitung Haaretz.

Den Bericht finden Sie auf unserer Dokumentationsseite.

Am 9. November 2011 bleibt nur festzustellen:

Unterstützen Sie Israel!

Wenden Sie sich gegen die Appeasement-Politik!

Wenden Sie sich gegen sogenannte Israelkritik, gegen Antizionismus und Antisemitismus!


Veranstaltungen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2011

November 2, 2011

Das BgA-Kassel beteiligt sich wie letztes Jahr an dieser bundesweiten Aktionswoche der Amadeu Antonio Stiftung, mit einer kleinen Veranstaltungsreihe: Wahn und Weltbilder – Israel und die Internationale Politik.

Eingeladen sind die Referenten Alex Feuerherd, Bodo Kahmann und Tal Gat. Die Veranstaltungsreihe beginnt am 09.11.2011.

Hier finden Sie eine Übersicht der Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2011 im gesamten Bundesgebiet.


Bomben auf Kassel – vor 68 Jahren

Oktober 19, 2011

Am 22. Oktober jährt sich der Angriff englischer Bomberverbände auf Kassel. Beim Angriff auf Kassel fanden überwiegend Zivilisten den Tod. Dem englischen Luftangriff wird häufig zum Vorwurf gemacht, die Kasseler Altstadt zerstört zu haben und damit vor allem die arbeitende Bevölkerung getroffen zu haben. Die Rüstungsbetriebe seien hingegen kaum getroffen worden. Dahinter steckt die Haltung, die deutsche Bevölkerung zum Opfer des Krieges zu definieren, oder – und dies besonders in linken Kreisen, die Bomber hätten die Arbeiter getroffen obwohl doch die Arbeiter besonders engagiert im Widerstand gegen die Nazis tätig gewesen seien.

Ignoranz in vieler Hinsicht

Ignoriert wird dabei, dass die Nazis auch unter den Arbeitern einen großen Anhang hatten und dass auch die Arbeiter als Soldaten in Hitlers Truppen dafür sorgten, dass bis in die entlegenen Gebiete Europas Jagd auf Juden und als “Zigeuner” bezeichnete Menschen gemacht werden konnte, dass im Osten ganze Landstriche entvölkert wurden, um zukünftigen deutschen Siedlern Platz zu machen und dass ganz Europa ausgeplündert wurde um die deutsche Volksgemeinschaft bei Laune zu halten. Der Widerstand, den es in den ersten Jahren des Hitlerregimes zweifellos vor allem in der organisierten Arbeiterschaft gab, marginalisierte sich durch effektive Verfolgung und  Terror seitens der Gestapo, der aber auch durch ein erhebliches Maß an Denunziation zugearbeitet wurde, sehr schnell aber auch dadurch, dass den Arbeitern klar wurde, dass auch ihnen ein Platz in der Volksgemeinschaft zugedacht war und sie durchaus an der Beute des kriegerischen Raubzuges teilhaben sollten und konnten.

Die Arbeiter, sofern sie noch in den Betrieben arbeiteten und nicht in der Armee kämpften, waren aber – und das sollte gerade den an Marx geschulten Linken klar sein – wichtigster Bestandteil der Produktionsmaschinerie, die bis in den April 1945 Panzer, Flugzeugmotoren usw. produzierte, die gegen die Alliierten eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu 1918 fiel es den deutschen Arbeitern aber nicht ein zu streiken. Dass sie dies nicht taten lag auch daran, dass es ihnen zu Lasten des ausgeplünderten Europas vergleichsweise gut ging, bzw. dass der Nazistaat ebenfalls auf Kosten der ausgeplünderten besetzten europäischen Staaten ein ausgeprägtes sozialstaatliches Gepräge aufbaute. Das Zerstören der Heimstätten der deutschen Arbeiter und gerade die nächtlichen Angriffe waren also wichtige Moment, die Kriegsproduktion zu stören.

Der Luftkrieg als wichtiges strategisches Element

Der Krieg der Alliierten gegen Deutschland war notwendig und richtig. Die Bombenangriffe waren bis 1944 ein wesentlicher Beitrag der Westalliierten an den Kriegsanstrengungen und somit wichtiger Bestandteil der Bemühungen, Deutschland mit allen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln nieder zu werfen. Die Bombenangriffe sollten die deutsche Rüstungs- und Energieproduktion, sowie die Verkehrsverbindungen zerstören. Die Angriffe trugen dazu bei, dass große Teile der deutschen Luftwaffe in Deutschland gebunden und nach und nach vernichtet wurden. Dies und der umfangreiche Einsatz der deutschen Luftabwehr mit Kanonen (Flak) samt zugehöriger Granatenproduktion im Reich entlastete die Rote Armee an ihrer Front. Die Rüstungsproduktion wurde nicht verhindert, aber empfindlich gestört. In Kassel lief die Produktion der ebenfalls stark getroffenen Industrie z. T. erst 1944 wieder an.

Die Soldaten der Alliierten hielten Ihre Köpfe hin

Junge Männer vor ihrem gefährlichen Einsatz gegen Nazi-Deutschland

Der verbrecherische Charakter des Naziregimes war von Anfang an offensichtlich. Da wirksame Maßnahmen seitens der deutschen Bevölkerung gegen die Naziherrschaft ausblieben, mussten dies die alliierten Soldaten tun. Sie waren junge Männer und Frauen, zu deren Idealen es nicht gehörte, andere zu Untermenschen zu degradieren, oder ganze Völker versklaven zu wollen oder sie zu vernichten. Sie wurden zu den Waffen gerufen um ein unvorstellbar bestialisches Besatzungsregime in Europa nieder zu kämpfen. Und sie zahlten dafür einen hohen Preis. Mehrere 10.000 Flieger kamen bei den Luftangriffen gegen Deutschland ums Leben. Auch beim Angriff auf Kassel wurden mehrere dutzend Bomber abgeschossen. In ihnen saßen je 7-8 Mann Besatzung.

Der Bombenkrieg der Alliierten war kein Vernichtungskrieg

Es verbietet sich die Gleichsetzung mit dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht. Diese und die ihr für diese Aufgaben zugeordneten deutschen Sondertruppen (SS, SD u. ä.) hatten die Aufgabe Menschen gezielt auszurotten. Die Menschenjagden im Osten sollten „Slaven“ dezimieren, Juden und als “Zigeuner” bezeichnete Menschen ausrotten. Zu diesem Ziel gehörte auch die Strategie osteuropäische Städte mit samt ihren Einwohnern zu vernichten. Alleine in Leningrad (heute St. Petersburg) kamen ca. 1.000.000 Menschen durch deutsche Angriffe und durch die vor 70 Jahren begonnene 900 Tage andauernde Belagerung ums Leben. Auch wenn Leningrad kapituliert hätte, wäre den Menschen dieser Stadt dieses grausame Schicksal nicht erspart geblieben. Die Leningrader Bürger sollten – wie die anderer osteuropäischer Großstädte auch – nach dem Willen der deutschen Kriegsplanung umkommen.

In Deutschland kamen insgesamt zwischen 350.000 und 500.000 Menschen durch Luftangriffe der Alliierten ums Leben. Die Mehrzahl dieser Menschen – die Kasseler allemal – hätten überlebt, hätten deutsche Truppen ihre Waffen z.B. nach der Niederlage in Stalingrad 1943 gestreckt.


Frieden durch Staatsgründung?

September 26, 2011

Wir dokumentieren im folgenden die Positionen der israelischen Regierung zu den Bestrebungen der palästinensischen Autonomiebehörde ohne vorherige Verhandlungen die Gründung eines Staates anzustreben.

Israel hat am Samstag positiv auf die Initiative des Nahostquartetts reagiert, nach der so bald wie möglich wieder direkte Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern aufgenommen werden sollten.

Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) dagegen hat den Vorschlag entschieden zurückgewiesen.

Präsident Shimon Peres hat die neue Initiative des Nahostquartetts begrüßt und erklärt, der Plan biete eine neue Möglichkeit für direkte Verhandlungen mit den Palästinensern.

“Wir wünschen uns, dass die politische Entfernung zwischen Jerusalem und Ramallah nicht größer ist als die geographische”, erklärte der Präsident.

Auch Außenminister Lieberman hatte sich bereits im israelischen Rundfunk dahingehend geäußert, dass Israel den Vorschlag des Nahostquartetts akzeptieren solle, Verhandlungen ohne Vorbedingungen zu beginnen.

Er erklärte, obwohl er gewisse Vorbehalte dem Vorschlag gegenüber hege, hoffe er, die Palästinenser würden die Initiative annehmen und einen ernsthaften Dialog mit Israel aufnehmen.

(Jerusalem Post, 26.09.11)

Netanyahu ruft Palästinenser vor Generalversammlung zu Verhandlungen auf

Bereits Ministerpräsident Binyamin Netanyahu hatte am Freitag in seiner  Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Palästinenser aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Wörtlich erklärte Netanyahu:

“Ich bin hierhergekommen, um die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit ist, dass Israel Frieden möchte. Die Wahrheit ist, dass im Nahen Osten immer, doch besonders während dieser turbulenten Tage, Frieden in Sicherheit verankert werden muss. Die Wahrheit ist, dass wir Frieden nicht über UN-Resolutionen erreichen können, sondern nur durch direkte Verhandlungen zwischen den beiden Seiten. Die Wahrheit ist, dass die Palästinenser sich bis jetzt geweigert haben zu verhandeln. Die Wahrheit ist, dass Israel Frieden mit einem palästinensischen Staat  will, doch die Palästinenser wollen einen Staat ohne Frieden. Und die Wahrheit ist, dass das nicht passieren sollte. […]

Die Palästinenser sollten zunächst Frieden mit Israel machen und dann ihren Staat erhalten. Doch ich möchte Ihnen auch das folgende sagen: Nachdem solch ein Friedensabkommen unterzeichnet ist, wird Israel nicht das letzte Land sein, das einen palästinensischen Staat als Mitglied in die Vereinten Nationen aufnimmt. Israel wird das erste Land sein. […]

Israel hat seine Hand zum Frieden ausgestreckt von dem Moment an, als es vor 63 Jahren gegründet wurde. Im Namen Israels und des jüdischen Volkes strecke ich diese Hand heute noch einmal aus [….] Ich reiche meine Hand dem palästinensischen Volk, mit dem wir einen gerechten und dauerhaften Frieden machen möchten […] Ich kann nicht allein Frieden machen. Ich kann nicht mit Ihnen Frieden machen. Präsident Abbas, ich reiche Ihnen meine Hand – die Hand Israels – zum Frieden. Ich hoffe, dass Sie diese Hand ergreifen werden.”

Präsident Netanyahu äußerte sich auch zur Frage der Sicherheit Israels. In diesem Zusammenhang erklärte er:

“Tausende von Raketen sind bereits auf unsere Städte niedergegangen […] Die Israelis sind bereit, einen palästinensischen Staat im Westjordanland zu akzeptieren, doch wir sind nicht bereit, ein zweites Gaza an unserer Seite zu dulden. Aus diesem Grund brauchen wir Sicherheitsarrangements.”

Zur Frage Israels als dem jüdischen Staat erklärte der Ministerpräsident:

“Der jüdische Staat Israel wird immer all seine Minderheiten schützen, einschließlich der mehr als eine Million arabischen Staatsbürger. […] Israel hat nicht die Absicht, seinen demokratischen Charakter aufzugeben. Doch wir möchten nicht, dass die Palästinenser versuchen, den jüdischen Charakter unseres Staates zu ändern.”

(Außenministerium des Staates Israel, 25.09.11)


Babij Jar

September 8, 2011

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein Jude.
Wir ziehn aus Ägyptenland aus, ich zieh mit.
Man schlägt mich ans Kreuz, ich komm um,
und da, da seht ihr sie noch: die Spuren der Nägel.
Dreyfus, auch er,
das bin ich.
Der Spießer
denunziert mich,
der Philister
spricht mir das Urteil.
Hinter Gittern bin ich.
Umstellt.
Müdgehetzt.
Und bespien.
Und verleumdet.
Und es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler Spitzen,
und kreischen
und stechen mir ins Gesicht
mit Sonnenschirmchen.
Ich glaube, ich bin jetzt,
ein kleiner Junge in Bialystok.
Das Blut fließt über die Diele, in Bächen.
Gestank von Zwiebel und Wodka, die Herren
Stammtisch-Häuptlinge lassen sich gehn.
Ein Tritt mit dem Stiefel, ich lieg in der Ecke.
Ich fleh die Pogrombrüder an, ich flehe – umsonst.
«Hau den Juden, rette Rußland!» -:
der
Mehlhändler hat meine Mutter erschlagen.
Mein
russisches
Volk!
Internationalistisch
bist du, zuinnerst, ich weiß.
Dein Name ist fleckenlos, aber
oft in Hände geraten, die waren nicht rein;
ein Rasselwort in diesen Händen, das war er.
Meine Erde – ich kenne sie, sie ist gut, sie ist gütig.
Und sie, die Antisemiten, die nieder-
trächtigen, daß
sie großtun mit diesem Namen:
«Bund des russischen Volks»!
Und nicht beben und zittern!
Ich glaube, ich bin jetzt sie:
Anne Frank.
Licht-
durchwoben, ein Zweig
im April.
Ich liebe.
Und brauche nicht Worte und Phrasen.
Und brauche:
daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.
Wenig Sichtbares noch,
wenig Greifbares!
Die Blätter – verboten.
Der Himmel – verboten.
Aber einander umarmen, leise,
das dürfen, das können wir noch.
Sie kommen?
Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.
Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.
Rück näher.
Mit deinen Lippen. Wart nicht.
Sie rennen die Tür ein?
Nicht sie. Was du hörst, ist der Eisgang,
die Schneeschmelze draußen.
Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum am,
mit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde grau.
Und bin – bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
tausend Begrabene hin.
Jeder hier erschossene Greis -:
ich.
Jedes hier erschossene Kind -:
ich.
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!
Die Internationale —
ertönen, erdröhnen soll sie,
wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde,
im Grab ist, für immer.
Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.
Aber verhaßt bin ich allen Antisemiten.
Mit wütigem, schwieligem Haß,
so hassen sie mich –
wie einen Juden.
Und deshalb bin ich
ein wirklicher Russe.

Jewgeni Jewtuschenko 1961 (Übersetzt von Paul Celan)
(In englisch und in transliterierter russischer Fassung, hier)

In Babij Jar – eine Schlucht in der Umgebung Kiews – wurden vor 70 Jahren, am 29. und 30. September 1941, mehr als 33.000 Juden von deutschen Einheiten (des SD und der Wehrmacht) erschossen. In den folgenden Tagen wurde weitere 20.000 Juden umgebracht. Bis zur Einnahme Kiews durch die Rote Armee wurden dort mehr als 100.000 Menschen von deutschen Tätern ermordet.

Erst 1976 wurde ein Mahnmal in Babij Jar errichtet, das jedoch den Mord an den Juden nicht thematisierte. Mittlerweile existiert in Babi Jar eine Gedenkstätte*, die den ermordeten Juden gewidmet ist.

Die Schatten von Babij Jar” in der Jüdische Allgemeine 29.09.2011.

Die Fernsehserie “Holocaust” und der – jedoch kritikwürdige – Film “Babij Jar. Das vergessene Verbrechen” beschäftigen sich mit diesem Thema.

Der Dichter Jewgeni Jewtuschenko wurde mit seinem 1961 in der Literaturnaya Gazeta erschienenen Gedicht Babij Jar auch im Westen bekannt. Das Gedicht Jewtuschenkos verarbeitete der Komponist Dmitiri Schostakowitsch in seiner 13. Sinfonie (13.sinfonie). Übersetzt wurde das Gedicht von Paul Celan. Paul Celan überlebte als einziger seiner Familie die deutsche Ausrottungspolitik und thematisierte als einer der ganz wenigen Autoren im Nachkriegsdeutschland die deutsche Vernichtungspolitik.

Babij Jar ist Thema des gleichnamigen Romans des sowjetischen Autors  A. Anatoli (Kusnezow), der das Massaker als Kind mit angesehen hatte. Sein Roman erschien in der Sowjetunion aber nur in einer frisierten Fassung. Ilja Ehrenburg befasste sich mit Babij Jar im dritten Abschnitt seines Romans Sturm und schrieb schon 1944 ein Gedicht über Babij Jar (eine Übersetzung ist uns nicht bekannt).

БАБИЙ ЯР

К чему слова и что перо,
Когда на сердце этот камень,
Когда, как каторжник ядро,
Я волочу чужую память?
Я жил когда-то в городах,
И были мне живые милы,
Теперь на тусклых пустырях
Я должен разрывать могилы,
Теперь мне каждый яр знаком,
И каждый яр теперь мне дом.
Я этой женщины любимой
Когда-то руки целовал,
Хотя, когда я был с живыми,
Я этой женщины не знал.
Мое дитя! Мои румяна!
Моя несметная родня!
Я слышу, как из каждой ямы
Вы окликаете меня.
Мы понатужимся и встанем,
Костями застучим - туда,
Где дышат хлебом и духами
Еще живые города.
Задуйте свет. Спустите флаги.
Мы к вам пришли. Не мы - овраги.

(1944)

* Die Bundesrepublik Deutschland verweigert jegliche finanzielle Unterstützung für die gefährdete Gedenkstäte in Sobibor (Jungle World, Nr. 32: Geläutert und Kaltschnäuzig).


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