„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Mit diesen Worten wandte sich der Reichskanzler der Weimarer Republik Joseph Wirth nach dem Mord an Walter Rathenau an die Öffentlichkeit. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob der Attentäter aus Oslo nun ein vom Wahn getriebener Extremist der Mitte oder extremer Rechter ist – also aus welchem Teil des Spektrums – von Wilders bis zum verblichenen Haider der Attentäter die Versatzstücke seiner Ideologie hauptsächlich zusammenfügte.
Wirth ist insofern beizupflichten, als das nicht erst das Attentat in Oslo zeigt, dass die Unberechenbarkeit, die Wahllosigkeit und die im wahrsten Sinne terroristische Eigenschaft zentrale Merkmale der Politik extremer, vom Wahn getriebener Täter sind, die diesem Milieu entstammen oder sich aus der ideologischen Melange dieser Gruppen bedienen. Es ließe sich eine lange Liste von ähnlichen Attentaten aufführen, München, Mailand, der Bomber von Oklahoma usw., die genau dieses Merkmal als Wesen der politischen Gewalt dieses Extremismus belegen.
Man wird erwarten dürfen, dass der Attentäter aus Oslo ähnlich wie der von Oklahoma schnell der „Gerechtigkeit“ überführt wird. Die für die Weimarer Republik bezeichnende Nachsicht gegenüber den rechtsextremen Meuchelmördern und der Unwille der italienischen Exekutivorgane, die Attentäter aus Mailand ausfindig zu machen und der Bestrafung zu überführen gehören der Vergangenheit an.
So wie der Oklahoma-Bomber schnell hinter Schloss und Riegel gebracht wurde, so wird der Attentäter aus Oslo vermutlich auch dort hinkommen, wohin er gehört. Und auch ohne Lichterketten, Rosen und anderes Beiwerk wird die gesellschaftliche Verachtung beiden gelten. Die Öffentlichkeit also daran zu erinnern, dass Massenmord nicht en Vogue ist, dürfte überflüssig sein.
Es kommt also weniger darauf an, die eigene Gesinnung öffentlich und gemeinschaftlich zu präsentieren, sondern darauf, das Wesen des politischen Wahns auf den Punkt zu bringen, das den Attentäter von Olso umgetrieben hat. Und es wird sich dabei herausstellen, dass die Ähnlichkeit dessen, was der Attentäter so fürchtet, zu jener Politik auf die er sich berief, viel frappanter ist, als es der Gewaltexzess seiner Tat vermuten lässt.
Schon alleine die Tatsache, dass die Opfer, die vom Attentäter gezielt ausgesucht wurden, nicht als Moslems ausgesucht wurden, sondern aufgrund völlig willkürlicher Kriterien, die jede Rationalisierung verunmöglicht und die den Täter dem von ihm beschriebenen Hassobjekt viel ähnlicher macht, als er und vermutlich die meisten – die jetzt das Lied anstimmen, “so was kommt von so was” – vermuten dürften.
Und hier wäre eine These zu vertreten, die keiner im Moment gerne hören will. Die ideologische Verwandtschaft und der Hang zum politischen Wahn der vermeintlich feindlichen Brüder, die Extremisten der bürgerlichen Mitte und die der Islamisten ist enger als es der erste Blick erscheinen lässt. Und während die selbsterklärten Guten ihren Gegner vor allem im Kritiker der Letzteren erkennen, wollen sie die Einen (die Islamisten) vor, – von ihnen als gleiche denunziert – den beiden Anderen, den Kritikern und den Extremen (der Mitte und der Rechten) in Schutz nehmen.
Statt nun also besinnungslos die eigene Gesinnung zu präsentieren, käme es auf eine saubere Begriffsbestimmung an. Die ist nicht ohne harte inhaltliche Auseinandersetzung zu haben, um klar zu machen, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen einer notwendigen politischen Kritik am Islam (als Ideologie) und dem Ressentiment gegenüber dem Fremden (als Individuum) gibt.
Während die Kritik immer das Individuum vor den Zumutungen einer repressiven Ideologie der Zwangsgemeinschaft in das Zentrum der begrifflichen Anstrengung stellt, zeichnet sich das Ressentiment durch das Bestreben aus, das Individuum seiner Individualität durch eine allgemeine Zuschreibung zu berauben. Letzteres ist nicht nur Programm derjenigen, die entweder in rassistischer Manie vermeintlichen Gruppen von Menschen – die Eigenen und die Anderen – feste, vom eigenen Wollen unabhängige Eigenschaften zuschreiben, sondern auch diejenigen, die in wohlmeinender kulturalistischer Ideologie wiederum vom Wollen des Individuums unabhängige Großkollektive konstruieren, die sich zu respektieren haben.
Die als Islamfeindlichkeit daher kommende Fremdenfeindlichkeit und der sich ebenso äußernde Rassismus und der Multikulturalismus der diesen vermeintlich kritisiert sind nur zwei verschiedene Seiten einer Medaille. Es handelt sich um eine Ideologie, die das Individuum einer positiv oder negativ konnotierten Gemeinschaft subsumiert. Die autoritären Ideologie einer Zwangsgemeinschaft wird negativ oder positiv reproduziert.
Man wird erwarten dürfen, dass sich nach Olso diejenigen zu Wort melden, die die Kritik am Islam mit Rassismus gleichsetzten und nun ihr übliches Programm abspulen: Wehret den Anfängen. Wer den Islam kritisiert, stigmatisiert Menschen und das Attentat ist die Folge. Man wird ebenfalls erwarten dürfen, dass mit im Boot der üblichen Empörten, diejenigen sind, die sich nicht scheuen, mit denen zu paktieren, denen die Kritik am Islam gilt und die der Attentäter als Vertreter extremer Xenophobie nicht gemeint hat.
Denn die so genannte Islamfeindlichkeit (Islamophobie) ist zwar sehr wohl ein Ticket der Alltagsideologie des Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht nur in Deutschland (und auch Bestandteil des Ideologiegebäudes des osloer Attentäters), doch gerade das Essentielle am Islam ist nicht Ziel ihrer Kritik – die keine ist. Vielmehr ist es das vermeintlich unheimliche am Islam, das dazu dient, plumpe Vorurteile zu schüren.
Die stumpfen Ideologen des linken Manichäismus und die sich – wie zu befürchten ist – neu formierenden Demonstranten einer guten Gesinnung müssen einer Auseinandersetzung über das Verhältnis von Kollektiv, Ideologie und Individuum und einer dazu gehörigen Begriffsbestimmung systematisch aus dem Wege gehen. Dies ist notwendig um den Bildern der guten Kollektive (die Bewegung, die unterdrückten Völker, die Klasse an sich) den Bestand zu gewähren, die als die positiv zu bestimmende Bezugspunkte ihrer Politik essentiellen Charakter haben müssen.
Unfähig zur Reflektion und zum Denken im dialektischen Widerspruch müssen sie immer einen Manichäismus aus Gut und Böse, Außen und Innen, Volk und Verräter, Nazi und Antifaschist, Zionist und Antizionist, Kapitalist und Arbeiter etc. produzieren ohne den dialektischen Widerspruch auch nur zu erahnen in denen diese Begriffe nur einen Sinn machen würden. Die notwendige Auseinandersetzung um den Begriff, muss bei Gefahr um die Selbstaufgabe daher unbedingt vermieden werden und mündet dann, wenn er versucht wird, wie jüngst in Marburg und vorher an verschiedenen anderen Orten der Republik in dessen gewalttätige Unterbindung.
Es werden sich aller Orten die seit Jahrzehnten üblichen Bündnisse bilden, die die Betroffenheit, einen inhaltsleeren Respekt und das Gefühl zum Programm der gemeinsamen Identitätsstiftung erheben, auch wenn die Aktivisten nicht die Betroffenen sind, sie den Respekt gegenüber allem und jedem predigen nur nicht der gebotenen Kritik gegenüber, für die die Kritik ein Buch mit sieben Siegeln und das Gefühl die Offenbahrung ist. Es werden Partner am Bündnis beteiligt werden, die zu denen gehören, die den Antisemitismus in unserer Gesellschaft in Form eines ehrbaren Antizionismus befördern und sich auch nicht scheuen, in diesem Zusammenhang temporäre Bündnisse mit Stalinisten, Islamisten und sogar türkischen Faschisten einzugehen. So wird nicht mehr herauskommen als das übliche Betroffenheitspathos, ein gutes Gewissen wieder einmal auf der richtigen Seite gestanden zu haben und ein hilfloser und daher überflüssiger Antifaschismus.
Es ist notwendig dem Rechtsextremismus, wie auch dem Extremismus der Mitte entschieden entgegen zu treten. Soll ein solches Engagement ernst genommen werden, kann aber nicht mit Gruppen zusammengearbeitet werden, die bereit sind mit Islamisten zu paktieren, die den Islam verharmlosen, die Kritik am Islam in denunziatorischer Absicht mit Fremdenhass in einen Topf werfen und die den ehrbaren Antisemitismus in Form des gesellschaftlich allseits geduldeten Antizionismus oder Israelkritik propagieren.
So wie sich dem Extremismus der Mitte und der nationalsozialistischen Ideologie (die ja nicht nur von Nazis verbreitet wird, sondern in allen möglichen Versatzstücken in einem breiten politischen Spektrum von NPD über SPD, den Grünen bis hin zu der Partei Die Linke und von der Friedensbewegung bis hin zu ATTAC das Bewußtsein des ideellen Wutbürgers durchfault) entgegengestellt werden muss, so müssen entschieden jene Ideologien kritisiert werden, für die Rechtsnihilismus, Volksgemeinschaft, Antisemitismus und die Verachtung und Negation des Individuums zu den ideologischen Essentials gehören. Man wird nicht lange suchen müssen, um diese Banden und ihre verschworenen Anhänger zu finden und es wird dann schnell einsam um einen herum werden.
(Jonas Dörge)
Verfasst von bgakassel